Zur Besinnung

 

„Denn wir haben erkannt, wie wichtig es ist, dass ich lebe, dass du lebst, dass alle wir leben, dass meine Hand sich mit anderen Händen verschränkt, mein Lied sich vereint mit anderen Liedern“.

Giaconda Belli hat diese Worte geschrieben und als ich sie las, haben sie mich getroffen, berührt. Sie drücken die Sehnsucht vieler aus. Meine eigene auch. Wir sind alle Teil einer neuen Zeit, einer Zeit in und dann auch nach der Pandemie.
Und irgendwann in diesem Jahr wird es – hoffentlich- den einen Tag geben, an dem es so weit ist, an dem wir uns wieder umarmen und miteinander singen können.  Mein guter Vorsatz für 2021 ist, diesen Tag nicht zu verpassen. Meine Ungeduld, meine Unruhe, meine Genervtheit auszuhalten. Und mich mühen, das Leben so zu akzeptieren und zu erkennen, „wie es dahinzieht, schmerzhaft, herausfordernd, schön“.

Tja, wenn diese Krise was Positives hat, wenn… dann wohl dies: Sie hat es bewirkt, dass unser Leben aus einer wohlsituierten Langeweile herausgerissen wurde. Aus einer Mittelmäßigkeit, die ja etwas   Ödes an sich haben kann. Das Leben, wie es war, erinnert mich an einen Satz aus der Johannesoffenbarung: „Ach, wärst du doch kalt oder heiß! Doch du bist lauwarm, weder heiß noch kalt. Darum will ich dich aus meinem Mund ausspucken.“ (Offenbarung 3,16)

Fade Mittelmäßigkeit.

Wir gehen in den nächsten Wochen auf Karfreitag und Ostern zu. Wenn ich diese beiden höchsten Feiertage des christlichen Glaubens anschaue, dann leuchtet da ein Leben mit Dimensionen auf, die das langweilige Mittelmaß gründlich sprengen.

Karfreitag: Er redet vom Leid. Nicht von ein bisschen Ärger und Gejammer, wie sie vielen von uns nun begegnen, sondern von dem ungeheuren, gewaltigen Leid, das auf dieser Erde möglich ist, von dem ganz tiefen Schmerz, den man auch nicht mit einer frommen Erklärung wegwischen kann. Gott leidet.

Und auf der anderen Seite das Osterfest: Es redet von der Freude, von der Hoffnung, von der großen Liebe, die stärker ist als der Tod.

Es jubelt über das Leben, das nicht umzubringen ist, ein Leben, das die Grenzen sprengt. Gott siegt.

 Der Gott, der hinter beidem steht, ruft Menschen aus dem unverbindlichen Mittelmaß heraus- in ein Leben, das in ganz tiefe Tiefen hinab, aber auch in die Weite und in die Höhe hinaufgeht. So hat Jesus gelebt, im tiefen Leid und in der kräftigen Freude, im Sich-Verlieren und im Wiedergefunden werden, im Zerbrechen und im Auferstehen. Beides, was hinter dem Karfreitag steht und was hinter Ostern steht, beides ist Ausdruck des Gleichen, nämlich des echten, vollen, intensiv gelebten Lebens.

Und zum Leben lädt uns Jesus ein. Echtes Leid gehört dazu und Mitleiden und große unbändige Freude. Durch beides gewinnt unser Leben Größe und Weite und Tiefe.

„Ich lebe, hat Jesu Christus gesagt, „und ihr sollt auch leben“ intensiv und ganz, bis zum Zerbrechen und Auferstehen.
Ihnen allen eine gesegnete Passions- und Osterzeit,

 

Ihr Pastor Jochen Ahl